David Tudors Rainforest ist eine der ersten Klanginstallationen, die auf der Verwendung von Alltagsgegenständen und Elektronik basierte und gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur Klangkunst des 20. Jahrhunderts.

Entstanden als Bühnenmusik für Merce Cunninghams gleichnamiges Tanzstück, präsentierte Tudor diese Arbeit erstmals 1968 in Zusammenarbeit mit den Künstlern Steve Paxton, Simone Forti und Alex Hay. Die Konzeption sah vor, dass aus Alltagsgegenständen wie Metall- und Plastikrohren, Stahlfedern, Glas und elektronischen Geräten hergestellte Klangobjekte frei im Raum stehen und schwingen konnten, um eine Klangumgebung zu schaffen, die die Besucher*innen umgab und sie in einen Klangraum hineinversetzte. Die Verwendung elektronischer Geräte lieferte dabei die Möglichkeit, die Klänge der Objekte zu verfremden und zu manipulieren, um eine einzigartige Klangumgebung zu erzeugen.

Tudors Skizze zur elektronischen Klangverfremdung in Rainforest, Quelle: Getty Research Institute

Die Installation hat im Laufe der Zeit verschiedene Versionen und Erweiterungen erfahren. In einigen Versionen wurden zum Beispiel Lautsprecher verwendet, um die Klänge aus der Installation in den Raum zu projizieren, während in anderen Versionen die Klangobjekte allein in Resonanz versetzt und so zum Klingen gebracht wurden. So entstand aus dem Grundkonzept der Klanginstallation eine Rainforest-Serie mit Rainforest II (1970), Rainforest III (1972) und Rainforest IV (1973). Zu dieser stetigen Weiterentwicklung äußerte Tudor Folgendes:

„In the first version, I made objects which I could travel with. The object were so small, however, that they didn’t have any sounding presence in the space, so I then amplified the outputs with the use of contact microphones. Then for the second version, I wanted to have a different kind of input… because for the first I had used oscillators that made animal and bird-like sounds. In the second version I wanted to use a vocal input to the system, the natural resonance of the object and its subsequent amplification. It’s a kind of mechanical filter. The third version had to deal with the ability to have any input go to any transducer. I made that system for a simultaneous performance with John Cage (Mureau). It was one of those pieces that changes all the time so I needed to have a sort of continuous thing, so I used tape sources, but having the ability to mix them or separate them into different output channels. So the next step was “Rainforest IV”… the object was to make the sculptures sound in the space themselves. And part of that process is that you are actually creating an environment. The contact mikes on the objects pickup the resonant frequencies which one hears when very close to the object, and then are amplified through a loudspeaker as an enhancement.”

David Tudor, aus einem Interview von John Fullemann in Stockholm, 31.05.1984

Besonders Rainforest IV zählt heute, mit über 150 Aufführungen an 45 Orten, zu den meistaufgeführten zeitgenössischen Musikwerken. Entstanden aus einem Workshop, den Tudor im Sommer 1973 beim New Music in New Hampshire Festival gab, wurde die Performance in ein informelles, soziales Umfeld eingebettet, in dem die Besucher*innen ermutigt wurden, umherzuwandern und physisch mit dem Werk zu interagieren, d.h. durch Berührung Vibration und Klang auch zu spüren. Ein weiteres Novum dieser Version war die Improvisation, wobei das Werk in der Regel von mindestens vier Interpret*innen ununterbrochen zwischen 3 und 6 Stunden am Stück aufgeführt wurde. Dabei fungierten 16 bis 40 im Raum aufgehängte Gegenstände als einzigartige Resonanzlautsprecher, deren Klang direkt von den skulpturalen Objekten ausging. Zur Idee dieser Installation bemerkte Tudor:

“My piece, Rainforest IV, was developed from ideas I had as early as 1965. The basic notion, which is a technical one, was the idea that the loudspeaker should have a voice which was unique and not just an instrument of reproduction, but as an instrument unto itself. An offer came, which didn’t get realized, but I was asked to make a proposal for a park in Washington. The idea was to have a sounding outdoor sculpture, so my mind began turning around. I thought, ‘wouldn’t it be wonderful if each sculpture sounded completely different from the other and the whole could be run by one machine which could be like a commutator.‘“

David Tudor, aus einem Interview von Teddy Hultberg in Düsseldorf, 17./18.05.1988

David Tudors Rainforest gilt als wegweisende Klanginstallation, die wesentlich dazu beitrug, den Weg ebnete für ein Hybrid zwischen Musik und andern Kunstformen, der Klangkunst. Die Verwendung von Alltagsgegenständen und die Manipulation von Klängen durch Elektronik waren bahnbrechend und inspirierten viele Künstler*innen, ähnliche Installationen zu schaffen. Rainforest ist auch heute noch ein einzigartiges, medien- und disziplinenübergreifendes Konzept.

Weitere Informationen: https://davidtudor.org/.

Christoph Kellermann