Instrumente und Klanginstallationen des RaveForest

„Ich habe heute das Mundstück für dein Cello dabei.“ – Ein solcher Satz fällt sicherlich selten im Musikinstitut der Martin-Luther-Universität in Halle. Doch im Projekt RaveForest ist nichts unmöglich. Im Rahmen dessen beschäftigen sich die Masterstudierenden der Medien- und Musikwissenschaft mit experimenteller Musik, inspiriert durch David Tudor. Wie kombinieren sie Alltagsgegenstände, Schrott und synthetische Klänge zu einer Soundinstallation? Welche Gegenstände eignen sich als Instrument? Und wie spielt man ein Cello mit Mundstück? Zu diesen und weiteren Fragen äußern sich die Studierenden in einem Interview.

Der RaveForest basiert auf dem Grundprinzip von Tudors Rainforest: Es werden Gegenstände zum Klingen gebracht, die nach dem klassischen Musikverständnis keine Instrumente sind. Wenn wir von Instrumenten sprechen, denken wir vielleicht an eine Gitarre, Flöte oder ein Klavier. Hingegen kann in der experimentellen Musik jegliches Objekt, das einen Sound erzeugen kann, ein Instrument sein. Für die Studierenden hat sich die Definition von Instrument im Laufe des Projekts daher deutlich erweitert. Fällt beispielsweise ein Mikrofon auf den Boden und erzeugt beim Aufschlag einen dumpfen Ton, so ist der Boden in diesem Moment ebenfalls Teil eines Instrument. Mehr oder weniger. Besser eignen sich zur Klangerzeugung jedoch Resonanzkörper z.B. aus Holz oder Blech, die in Schwingung versetzt werden können. 

Es lassen sich zwei Arten von Instrumenten unterscheiden. Erstens gibt es jene, die sich selbst spielen können, etwa indem sie durch einen Luftstrom in Bewegung versetzt werden. Zweitens gibt es Instrumente, die von Personen gespielt werden müssen. Zur ersten Kategorie zählt beispielsweise die selbst gebaute Ventilator-Zither. Hierfür haben die Studierenden Papierstreifen an einem Ventilator angebracht, an deren Enden Büroklammern befestigt sind. Schaltet man den Ventilator ein, flattern die Streifen im Luftzug und schlagen gegen eine Zither, an der sich ein Kontaktmikrofon befindet. Jede noch so sanfte Berührung des Papiers ist da plötzlich intensiv zu vernehmen. 

Woher nehmen die Musiker*innen ihre Ideen und wie gehen sie vor, wenn sie Instrumente konstruieren? Das Wichtigste ist für die Masterstudierenden, sich von klassischen Vorstellungen zu lösen und sich auf Experimente einzulassen. Dieser Prozess hat eine große Bedeutung für experimentelle Musik, wie es der Name ja schon sagt. Um neue Instrumente zu erschaffen, werden zunächst Gegenstände zusammengetragen, oft regelrecht in Wald, Feld und Wiese eingesammelt, aber auch im Keller oder beim Sperrmüll. Während die meisten Leute einen alten, gebrochenen Cello-Korpus als Schrott ansehen, sehen ihn die Studierenden als kreative Herausforderung: Wie kann dieser Körper in eine interessant klingende Schwingung versetzt werden? Daraus ergab sich die Idee, zwei Körbe eines defekten Gefrierschranks am Cello anzubringen und darauf Saiten aufzuziehen. Mit einem Cellobogen können auch diese Körbe nun zum Schwingen gebracht werden. Zudem wurde ein Trompeten-Mundstück in das Loch am Boden des Cellos gesteckt, wo sich früher der Stachel befand. So kann das neu geborene Instrument auf vielfältige Art und Weise gespielt werden. 

Ein anderes Instrument ist als Mobile aus Blechstreifen aufgebaut, wobei die einzelnen Teile mit Stricken aneinandergebunden sind. Auch daran wird ein Kontaktmikrofon befestigt. Das Mobile kann sich selbst im Wind bewegen oder von einer Person gespielt werden. Der Kreativität sind damit kaum Grenzen gesetzt. Sogar ein Maßband und eine Bratpfanne können im RaveForest gespielt werden. Mit diesen Instrumenten wurden im Vorlauf des Projekts auch Rohklänge aufgezeichnet und später technisch bearbeitet, um für den installativen Teil des Projekts als Klangmaterial zu dienen. Synthetische Klänge erzeugen die Studierenden mit semimodularen Synthesizern wie dem Subharmonicon oder dem Drummer From Another Mother des legendären Herstellers Moog. Dabei handelt es sich um keine fertigen Instrumente, sondern variable Module, die erst mit Kabeln untereinander verschaltet werden müssen, bevor sie irgendetwas erklingen lassen. Darüber können Töne mit Effekten und Filtern variiert werden, beispielsweise einem Delay, Pitch Shift oder Nachhall.

Sina Albrecht